LUDWIG WITTGENSTEIN – Biografische & filosofische Untersuchungen

Experimentelle Doc - Fiction - Multimedia - Show. Filmteile auf 16 mm. Farbe.

1.Produktionsphase: Noch während der Vorbereitung zu ‚Floris von Rosemund‘, Recherchen und Dreharbeiten in England, Irland, Norwegen & Österreich, mit

Uwe Tillmanns, Assistent & Organisator, Prod: Günter Herbertz, IFAGE.

 

 

© Ferry Radax

 

INHALT, der aus einer großen Sammlung von Material in 5 Jahren entstand.

Damals gab es ja noch keine umfassende Biographie über das Leben des Philosophen, daher sammelte Radax 1970 bis 75 alle international erschienenen Berichte über Wittgenstein. Sie wurden kopiert, zerschnitten und wieder zu Themenkreisen gefügt, die jedoch bis 73 immer noch zu große Lücken aufwiesen.

Also waren weitere Recherchen & Dreharbeiten an Orten notwendig, die Wittgenstein, oft nach  Berichte aus zweiter Hand, angeblich frequentiert hatte.

London, Cambridge, Newcastle on Tyne usw., waren zunächst Ziele in England.

Besonders schwierig war es, in Gebäuden der Universität Cambridge zu drehen. Heimlich und rasch wurden Film- & Dia-Aufnahmen gemacht, die Radax später zu verwenden dachte. Zunächst war man ja meist auf Vermutungen angewiesen.

Also schnell noch ein paar Zeugen förmlich aus dem Bett geholt, und ab gings im voll bepackten VW-Bus nach Irland.

In Dublin waren ‚Ross’s Hotel‘ und Palmenhaus bevorzugte Plätze des Meisters. Südlich Dublins der Ort ‚Redcross‘, wo er in einer Pension an den ‚Philosophischen Untersuchungen‘ gearbeitet haben soll, bis ihm der Küchenlärm zu genervt hat.  Danach die Reise quer hinauf nach Connemara, zur einsamen ‚Killary Bay‘, wo das Fischerhaus angeblich stehen soll, das ein Dr. Drury seinem Freund Wittgenstein zum Vollenden der ‚Philosophischen Untersuchungen‘, überlassen haben soll. Gefunden, und einen Zeitzeugen, seinen Nachbarn, den Fischer Festy Mortimer befragt zu haben, waren ganz gute Resultate, aber leider immer noch zu wenige.

Also wieder zurück über England und per Schiff nach Norwegen & detto von Bergen hinauf ans Ende des finsteren ‚Sognje Fjord‘, bis nach ‚Skjolden‘.

Überall Schnee & riesige Eiszapfen, Landstraßen neben Steilhängen, immer feuchte Betten in kleinen, aber sau-teuren Pensionen. Doch wir haben als Erste wieder jenes Dorf betreten, in dem L.W. seinen ‚tractatus logico philosophicus‘ zu Ende geschrieben und für sich angeblich ein Holzhaus „für meine Einsamkeit“ hat bauen lassen.

Mit Gummistiefeln das schwere Equipment durch einen halb gefrorenen See & den Bergwald hinauf schleppen, als Belohnung zumindest die felsigen Fundamente der Hütte und immerhin eine Klobrille zu finden, war auch etwas.

Den Bürgermeister als letzten Zeitzeugen finden und die phantastische Landschaft Norwegens zu filmen, quasi als Beweis für Wittgenstein‘s chronische Sehnsucht nach Einsamkeit, war schon besser.

Und schließlich wieder in Österreich, als Erste jene Dörfer am ‚Wechsel‘ aufspüren, wo ehemalige Volksschüler in Trattenbach, Otterntal und  Puchberg, ihren ‚Lehrer Wittgenstein‘ noch in unangenehmer Erinnerung haben. Immer mehr Zeugen und Wohnorte, sanfte Landschaften und harte Fakten wurden wochenlang gesammelt.

Das gedrehte Farbmaterial war trotz widriger Umstände in Ordnung, rund 360 Dias mußten nummeriert, geordnet und aufgelistet werden und mit den gesammelten Dokumenten zu einem endgültigen Drehbuch gestaltet werden. Ein minutiöses Puzzle, das Radax zusammensetzte, während 6 Monaten Stress bei Dreharbeiten in Ungarn. Für den Regisseur der Abenteuer-Serie FLORIS eine geistiger Erholung.

Aber nur so wurde allmählich klar, wie der ‚Wittgenstein-Film‘ aussehen könnte:

 

 

WITTGENSTEIN

2. Prod.-Phase: Film-Montage (mit Rüdiger Laske, parallel zu 19 Folgen ‚Floris‘). Sämtliches Material, das bisher für ‚Wittgenstein‘ gefilmt wurde, musste endlich in einen Ablauf gebracht werden. Radax erschien die altmodische Methode von Bild & Kommentar für dieses extreme Thema, ein nicht mehr gangbarer Weg. Hingegen als INFOTAINMENT, eine flotte Mischung aus Fakten, in witzigen Dialogen ironisch hinterfragt, ein surreales Dokumentarspiel, so müsste das Ganze serviert werden. Natürlich nicht mehr, wie ursprünglich geplant, in einer lehrhaften 45 Minuten - Doku, sondern als ‚ernsthaftes Kabarett‘ in zwei Teilen á 58 Minuten !

 

3. Phase: 25 Tage Regie der Studio-Szenen von Teil 1, Bluebox -Technik: WDR.

Darsteller: Fred Stillkraut, Dieter Stengl. Regie - Assi & Continuo: Rüdiger Laske.

 

 

© Ferry Radax

 

INHALT: Ein Fernsehstudio ohne Dekoration, aber voll mit Technik & Personal !

Ein Moderator ‚am Zweiten Bildungsweg‘ und ein ‚Edelmechaniker‘ als Freund, der für ihn Material für eine Dissertation über Wittgenstein in Österreich gesammelt hat. Nach dessen Abbild-Theorie, lässt er im blauen Nichts einen Spielsalon erscheinen. Und wie die Nummerierung im ‚Tractatus‘, erscheinen Zahlenreihen auf den Flipper- maschinen, dazwischen tauchen Studenten aus Oxford und Cambridge auf, die ihre Meinungen zum Thema Wittgenstein äußern und wieder verschwinden.

In dieser virtuellen Welt als Spielsalon, unterhalten sich die Beiden über ‚Tractatus‘, Nietzsche, Gott & die Welt, als wäre alles nur Erscheinung. Auch der Sportwagen, mit dem sie auf ihrer Spurensache durch die Länder chauffieren, fährt nur scheinbar durch England, Irland, Norwegen und Österreich. In Wahrheit steht er im FS-Studio und ein Ventilator bläst den Fahrtwind. Nichts ist wirklich fassbar; auch als Metapher

zu Wittgensteins Philosophie gedacht.

Aufgerufen durch einfache Worte, erscheinen Tatsachen, als Vermutungen endend, letztlich an Widersprüchen scheiternd. Die Suche nach Leben & Werk des vielleicht größten Philosophen seiner Zeit, entpuppt sich als eine Reihe von tradierten Fakten, die man auch ganz anders interpretieren könnte.

Zieht es Wittgenstein in den Krieg als eine günstige Gelegenheit, Selbstmord zu verüben ? Warum nimmt er schließlich die Professur in Cambridge an, obwohl er sich für den Posten des Hausmeisters als besser geeignet sieht ? Warum fährt er wiederholt in die Einsamkeit Norwegens ? Um Gerüchten über seine Homosexualität zu entkommen, oder nur, um mit seinem Freund Pinsent allein sein zu können. Oder etwa tatsächlich nur, weil er sonst sein ‚opus magnum‘, den ‚Tractatus‘, hätte niemals zu Ende schreiben können ?

Aber warum verwarf er es später als wertlos, ja falsch ?

Alles Fragen, die sich die beiden virtuell Reisenden in dialektischen Diskussionen stellen um einander zu helfen, die komplexe Materie besser zu verstehen. So erfolgreich, dass der ‚Edelmechaniker‘, als ‚Dummer August‘ charchierend, schließlich fast

besser als sein belehrender Gegenspieler begreift, worum es bei Wittgensteins sogenannter Philosophie wirklich geht - und der Zuschauer vielleicht ebenfalls. 

 

 

Im 2. Teil der Sendung sind die Beiden noch immer ständig ‚unterwegs‘, teils auf Achse, teils auf Verdacht. Und finden zwar immer neue Zeugen, die Wittgenstein noch persönlich ‚gekannt‘ haben wollen. Aber diese Menschen sind alle inzwischen älter geworden, erinnern sich an Einzelheiten, die zumeist nur das Allzumenschliche an Wittgenstein beschreiben, weniger den Philosophen, der als solcher den Meisten rätselhaft bleiben musste, und sein ‚Tractatus‘ wie ein Buch mit sieben Siegeln. Wohin die beiden Zeitreisenden kommen, ob nach Cambridge, nach Skolden, oder an die ‚Killary Bay‘, überall hören sie viel mehr als erwartet, über diesen ‚Einsamen Wanderer in der Philosophischen Wüste‘, wie man Wittgenstein nennen könnte, aber zugleich nicht das, was sie sich erhofft haben mögen:

Nämlich, die rätselhafte Ursache für seine schwer fassbare ‚Philosophie‘, die er selbst nie so benannt hatte. Die vielen Stationen dieser Reise durch vier Länder in zwei Stunden, bringen auch eine Menge amüsanter Szenen, die allzu schwierige Passagen für den Zuschauer verständlicher machen.

Und vor allem interessiert der Lebensweg eines Menschen, der versucht hat, wie kaum ein anderer, die herkömmliche Philosophie als Ursache falsch angewandter Sprache zu entlarven. Viele versuchen ihm heute nachzueifern, aber keiner weint ihm nach, in sein einsames Grab am Friedhof von Cambridge.